top of page
kurzgeschichte4.jpg

DAS WOLFSMÄDCHEN

Genre: Romantik

Autorin: Rhea Ross

Alle dachten, sie hätte sich verirrt.

Aber sie musste ihn sehen, seine Nähe spüren.

 

Die Jäger berichteten regelmäßig über abscheuliche Kreaturen, die in diesem Wald lungerten, der sich nicht weit vom Dorf befand. Zahlreiche Monster warteten nur darauf, dass ein Dorfbewohner den falschen Weg einschlug und in ihre Klauen geriet. Seitdem die Jäger mit ihren kreativen aber brutalen Fallen für die Sicherheit sorgten, traute sich nichts mehr aus dem Wald hinaus. Geduldig warteten sie auf die Beute, die früher oder später von selbst kommen würde.

 

Das Mädchen wusste das alles. Und trotzdem ging sie in diesen verbotenen Wald, ohne eine einzige Sekunde über die lauernde Gefahr nachzudenken. 

 

In dieser Nacht, als sie die Einsamkeit wieder packte und das Herz zu schmerzen begann, blieb ihr keine andere Wahl als ihr Monster aufzusuchen, welches jeden Abend auf sie wartete.

 

Mit Schneeflocken im geflochtenem Haar und vor Kälte geröteten Wangen stampfte sie zielstrebig durch den weichen Schnee, der den Weg bedeckt hatte. Sie konnte schon den großen und dichten Fichtenwald sehen. Es war nicht mehr weit. 

 

Als sie bei der Holzhütte ankam, blieb sie stehen und wartete. Das war ihr Ort gewesen, wo sie sich heimlich trafen. Und siehe da: Zwei leuchtende, silberne Augen starrten sie aus der Dunkelheit an. Das für den Wolf typische Knurren echote und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie war sich nicht mehr sicher, ob es tatsächlich er war.

 

Langsam, als ob er sich beherrschen müsste, trat der große Wolf hervor und blieb vor dem zierlichen Mädchen stehen. Vorsichtig streckte sie ihre dünne, totenblasse Hand aus. Obwohl er eine Bestie war, liebte sie ihn wie am ersten Tag, als sich ihre Wege zufällig gekreuzt hatten. Sie war ein dummes, naives Mädchen, das ein Tier liebte und nicht stark genug war, sich von ihm fernzuhalten.

 

Der Wolf schnüffelte an ihren Fingern und ließ sich streicheln.

„Ich habe dich vermisst“, flüsterte sie und umarmte die Bestie, in dessen Fell sie  sich wie in einer Decke einkuschelte.

Sie vermisste seine Stimme und seine menschliche Gestalt.

„Geht es dir gut?“, fragte sie und blickte in seine Augen, die unverändert geblieben waren. Tief in seinem Innern war er noch derselbe.

Er nickte und warf ihr einen ihr schon bekannten Blick zu.

„Keine Sorge, mir passiert nichts“, beruhigte sie ihn, „Ich bleibe nicht lange, versprochen.“

 

Gerade als sie die Worte laut aussprach, hörten sie ein Geräusch und erstarrten beide vor Schreck. Der Wolf drehte ihr den Rücken zu und wartete gespannt, bis sich das angekündigte Ungeheuer blicken ließ. Sein Schwanz wedelte alarmierend und er fletschte seine spitzen Zähne, bereit, Blut fließen zu lassen. 

 

Plötzlich trat ein Wesen hervor, das halb Mensch halb Tier war. Der Werwolf war kolossal, stand auf zwei Beinen und schlug mit seinen Armen um sich. Fest entschlossen, das Mädchen zu verspeisen, stürzte er sich auf sie und zerkratzte sie der Wange entlang. Zu ihrem Glück drängte sich der Wolf dazwischen und stürzte das tollwütige Monster zu Boden. Keifend und mit einem Gebrüll, der den ganzen Wald aufweckte, rollten sich die Bestien in die Dunkelheit zurück. Von den hochgewachsenen Fichten fiel Schnee auf sie hinab, während das Gebrüll alle Vögel aus dem Wald verscheuchte.

 

Trotz ihrer wackligen Knie raffte sich das Mädchen auf und lief den ganzen Weg wieder zurück, den sie gekommen war, während das Blut ihren Hals wie eine Diamantenkette schmückte. Die Wunde war ein präziser und tiefer Schnitt, der vom linken Ohr bis zum Kinn reichte. Doch in diesem Moment sorgte sie sich mehr um ihre Bestie als um sich selbst. 

 

Langsam trübte sich ihr Blick und die Welt begann sich zu drehen. Mit großer Mühe erkannte sie die drei Jäger, die mit Fackeln und Schrotflinten bewaffnet, lauthals ihren Namen riefen. Sie schloss die Augen und fühlte nichts, als sie wie ein abgesägter Baum auf den harten Boden fiel.

 

Das schrille Geschreie einer Frau wecke sie wieder auf. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und erkannte neugierige Gesichter der Dorfbewohner, die sich über sie beugten.

„Schnell, ich brauche mehr Schnaps, um die Nadel zu desinfizieren!“, hörte sie einen der Jäger schreien. 

bottom of page