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SIE

Genre: Erotik

Autorin: Rhea Ross

Jeder von uns entwickelt mit der Zeit eine Routine. Man gewöhnt sich an die Menschen um einen herum, an die Lebensweise, an das Wetter und sogar an die Arbeit, in der man fast mehr Zeit als in den eigenen vier Wänden verbringt. Und je älter man wird, desto festgefahrener wird man in seinem Tagesablauf. 

Auch er hatte eine eigene Routine, die ihm ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelte. Es war durchaus möglich, dass das Leben mit 45 langweilig und vorhersehbar sein könnte, aber das galt nur, wenn man Glück hatte und keiner Sirene begegnete, die einem den Kopf verdrehte und um den Verstand brachte.

 

Pünktlich um acht klingelte sein Wecker. Alsbald er seine Augen geöffnet und den Wecker stumm geschaltet hatte, war sie wieder das Einzige, was er sehen konnte. 

Nach einem kurzen Moment warf er die dunkelblaue Satinbettwäsche zur Seite und stand auf. Nur in einer Boxershorts ging er ins Badezimmer, zog sich aus und drehte die Regendusche auf. Das Wasser wusch sein schlechtes Gewissen weg, zumindest dachte er das. Letzte Nacht, während seine Frau ahnungslos neben ihm schlief, hatte er von einer anderen geträumt. In diesen Träumen fand er eine Befriedigung, die er lange nicht mehr gespürt hatte. Aber sobald er aufwachte und seinen verschwitzten Körper erblickte, plagte ihn das schlechte Gewissen. Es fühlte sich wie Betrug an. 

 

Nach dem Duschen wickelte er sich ein weißes Handtuch um die Hüfte und putzte sich die Zähne. Er runzelte die Stirn und kam dem Spiegel näher. Sein Bart war ergraut und er sollte sich rasieren... In letzter Minute aber entschied er sich dagegen. Vielleicht würde sie ihn dann nicht mehr attraktiv finden und ihn in Ruhe lassen. Aber wollte er das? Wollte er wirklich, dass sie ihn nicht beachtete und wie Luft behandelte? 

Die Antwort war eindeutig ein Nein. 

Denn sie machte ihn glücklich und gab ihm die nötige Energie, die er brauchte. Er wollte sie, wollte ihre Hände auf seinem Körper spüren und in ihrem süßen Duft ertrinken… Er wollte sie nur für sich. Allein die Vorstellung, dass jemand anderes sie zum Lachen brachte, machte ihn wütend. 

 

Im Schlafzimmer zog er sich an. Eine elegante Hose, in die er sein gebügeltes Hemd steckte und die Ärmel nur drei Mal umschlug, sodass seine Tätowierungen auf den Armen nicht zu sehr bemerkbar waren. 

Wie ein Geist ging er geräuschlos in die Küche und aß vom Frühstück, welches ihm die Frau dagelassen hatte. Dann stieg er in seinen schwarzen Porsche und fuhr in die Arbeit. 

 

Natürlich lief sie ihm über den Weg und lächelte unschuldig. Sie war zierlich, hatte aber einen verführerischen Körper. Ihre braunen Haare, die ihr bis zum unteren Rücken reichten, waren dieses Mal glatt. Um ihren Hals herum trug sie ein schwarzes Halsbändchen, das sie mit einer erotischen Aura umgab. Seine Gedanken schweiften wieder mal ab. Er musste sich zwingen, an etwas anderes zu denken. 

„Morgeeeen“, grüßte sie verspielt. Ihre Augen funkelten.

„Guten Morgen“, erwiderte er und blickte ihr nach, als sie in ihrem Büro verschwand. 

Wie machte sie das nur? Sie war zwanzig Jahre jünger als er und sollte ihn nicht interessieren. Aber leider war sie genau sein Typ: attraktiv und intelligent, mit einer wilden Seite, die durch ihre nette und höfliche Fassade immer wieder durchschien. 

 

Wie üblich versuchte er sich in seine Arbeit zu vertiefen, um nicht an sie zu denken. Er wartete, bis sie auf Pause ging, um in der Küche seine Thermosflasche mit Kaffee zu füllen. Er mied sie, so gut man einen Kollegen, der im selben Stockwerk war, meiden konnte. In letzter Zeit verschanzte er sich immer öfter in seinem Bürozimmer. Es waren Betonwände nötig, um dieser magnetischen Anziehung zu widerstehen.

 

Es war kurz vor 20 Uhr. Er war als letzter geblieben, um die Glühbirne im Meetingraum auszutauschen. Nach drei erfolglosen Anrufen beim Hausmeister musste er sich doch selbst die Hände schmutzig machen. Das morgige Meeting müsste perfekt ablaufen und das flackernde Licht würde ihn zu sehr ablenken. 

Als er fertig war, packte er wieder die Leiter auf seine Schulter und ging neben dem Drucker vorbei, als plötzlich sie vor ihm stand. In einem Kleid, das sehr leicht hochzuschieben war, stand sie wie ein Engel da und lächelte ihn an. 

„Oh, du bist auch noch hier?“, stellte sie überrascht fest. 

„Ich musste eine Glühbirne auswechseln“, erklärte er. Sie lachte, als ob er etwas Lustiges erzählt hatte. Wenn sie das tat, war sie noch bezaubernder und mit jeder Sekunde unwiderstehlicher. Sie dürfte ihm nicht zu nahe kommen, sonst würde er die Beherrschung verlieren. 

„Wie geht es dir eigentlich? Ich habe dich lange nicht gesehen…“

Weil ich mich wie ein Zehnjähriger vor dir verstecke, dachte er insgeheim. 

„Ich hatte viel zu tun. Hatte nicht einmal Zeit, mich zu rasieren. Sehe aus wie ein Höhlenmensch“, gab er zu und konnte seinen Blick nicht von ihr nehmen, die zwei Schritte auf ihn zuging. Vorsichtig streichelte sie mit ihrer Hand seine Wange. 

„Was redest du denn da… fesch wie immer.“

Er wollte schmelzen. Ihre Nähe war schlimmer als die Sonne. Innerlich brannte er wie auf einem Scheiterhaufen.

„Ich… ich…“, begann er zu stottern und konnte nicht mehr klar denken. Ein Nebel legte seinen Verstand lahm. Sie war zum Greifen nahe und alles an ihm versteifte sich. Er wollte sie. Hier und jetzt. 

In der nächsten Sekunde ließ er die Leiter fallen und schloss sie in seine Arme. Sie küsste ihn wie noch keine zuvor. Er liebte den Gedanken, dass dieser zerbrechlicher Körper in seinen kräftigen Armen war und sie sich freiwillig und lustvoll an seinen Körper schmiegte. Der Kopf war leer: keine Gedanken, kein schlechtes Gewissen, keine Überlegungen – nur ein berauschendes Glücksgefühl.

 

Schlussendlich kriege er das, wovon er monatelang geträumt hatte. Mit einem breiten Grinsen und einem faltigem Hemd verließ er die Arbeit. Auch als er im Auto saß, war er der glücklichste Mensch auf Erden. Erst als er das Haus betrat und seine Frau küsste, trübte sich seine Laune. Sie reizte ihn nicht mehr. Er wollte eine andere, rund um die Uhr. 

Was hatte er nur getan?

 

Die so bekannte und gewohnte Routine war nun dahin. Erst jetzt, als der neblige Schleier sich löste, wurde ihm bewusst, was er alles verlieren könnte: Seinen guten Ruf als anständiger Ehemann und Vater; die Frau an seiner Seite, die ihn so akzeptierte, wie er war, mit all seinen Macken; die Kinder könnten sich von ihm abwenden und sich auf die Seite der Mutter stellen; seine Nachbarn könnten ihn als ein herzloses Monster darstellen; die Scheidung würde ein Vermögen kosten und ihn aus seinem Haus in ein mickriges, kleines und dreckiges Apartment vertreiben. Viel stand auf dem Spiel und bereitete ihm Kopfschmerzen. 

 

Er dachte, alles würde vergehen. Er dachte, es würde aufhören. 

Doch er lag falsch.  

Jetzt war er süchtig nach diesem göttlichen Geschöpf, dass er sich nicht sicher war, ob sie dem Himmel oder der Hölle entkommen war…

 

Aber gegen sein Herz konnte er nicht. Mit Gewissensbissen im Gepäck suchte er sie immer wieder auf, um das Leben zu feiern. 

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