

THIS TIME
Genre: Romantik
Autorin: Maresa May
Elena schlug das Herz bis zum Hals. Unkontrolliert klopfte es in ihrer Brust, jederzeit bereit herauszuspringen. Backstage- Tickets! Sie hatte tatsächlich Backstage-Tickets gewonnen! Seit Jahren verpasste sie keines von seinen Konzerten, wenn er in ihrer Stadt auftrat. Er war ihr Teenie-Schwarm, doch auch jetzt, gute zehn Jahre später, war sie immer noch ein Fan.
Gleich würde Elena ihren Lieblingsmusiker persönlich kennenlernen. Diese Tatsache klang in ihrem Kopf nach wie vor nach einem Märchen. Natürlich hatte sie oft davon geträumt, doch dass dieser Traum nun wahr werden sollte, realisierte sie noch nicht.
Sie fühlte sich wieder wie 16, jung, dumm, naiv und unheimlich verschossen in den süßen Sänger mit den braunen Wuschelhaaren. Inständig hoffte sie, dass sie es schaffte sich nicht zu blamieren, wenn er gleich vor ihr stand. Mit ihr waren noch zwei weitere Gewinner ausgelost worden. Die anderen beiden Mädchen waren jünger als sie und schienen überhaupt nicht nervös. Vielmehr kampfbereit. Die Schwarzhaarige zog noch einmal ihren dunkelroten Lippenstift nach, die Blonde mit den Billig-Extensions zupfte ihren viel zu kurzen Rock zurecht.
Ob Elena sich vor ein paar Jahren auch so angestellt hätte? Sie war froh, dass sie das nicht nötig hatte.
Sie hatte nicht vor, den süßen Sänger aufzureißen. One Night Stands waren nichts für sie. Sie war aber auch mittlerweile zu alt dafür darauf zu hoffen, dass sich ausgerechnet Jamie Johnson unsterblich in sie verlieben würde. Oder überhaupt in irgendjemand. Sein Ruf war der eines Herzensbrechers und Aufreißers, nicht der eines liebevollen Freundes. Sein Verschleiß an Mädchen könnte Telefonbücher füllen, meinte ein Klatschreporter einmal scherzhaft. Und die zwei zu Elenas Rechten dürften bald die nächsten Namen auf einer endlosen Liste sein.
Einen kleinen Hüpfer konnte Elenas Herz dann aber doch nicht zurückhalten, als Jamie endlich von einem Security und seinem Manager flankiert zu den drei wartenden Gewinnerinnen geführt wurde.
Sein Händedruck, als er sich vorstellte, war fest, aber nicht zu fest. Er lächelte nicht, sondern starrte sie mit durchdringendem Blick an. Es war ein Blick, der Elena schlagartig gefangen nahm. Es war, als würde er durch ihre Augen in ihr Herz blicken und in ihr lesen. Nachdem er die anderen auch begrüßt hatte, wurde er von Barbie und Schneewittchen sofort in Beschlag genommen. Sie geizten nicht mit ihren Reizen, überschütteten Jamie mit Komplimenten und klimperten dabei lasziv mit ihren künstlichen Wimpern. Der Sänger schien die Aufmerksamkeit zu genießen, sein Markenzeichen, ein süßes Schmunzeln, dass die feinen Grübchen um seine Mundwinkel zur Geltung brachte, hatte sich auf sein Gesicht geschlichen. Warum sollte er die hübschen Cremetörtchen auch stehen lassen, wenn sie ihm schon auf einem Silbertablett unter die Nase gehalten wurden?
Immer wieder starrte er jedoch durch die zwei Mädels hindurch oder an ihnen vorbei und beobachtete Elena.
War es ihm unangenehm, dass sie ihm nicht genauso auf die Pelle rückte? Erwartete er das?
War er es nicht gewohnt, nicht sofort von jeder Frau mit den Augen vernascht zu werden?
Das übliche Programm wurde routiniert abgearbeitet, er gab Autogramme und stand für Fotos sowie ein paar Minuten Smalltalk zur Verfügung, dann gab der Manager auch schon wieder das Zeichen, dass es Zeit wurde sich auf das Konzert vorzubereiten.
Jamie warf Elena noch einmal einen eindringlichen, undefinierbaren Blick zu, dann wurden die Gewinnerinnen auch schon von einer Mitarbeiterin hinunter in den VIP-Bereich vor die Bühne begleitet. Bis auf sein seltsames Verhalten war Elena mit der Begegnung eigentlich ganz zufrieden. Sie hatte ein Foto und ein Autogramm ihres Lieblingsstars und hatte ein wenig Zeit in seiner Nähe verbringen dürfen. Er war freundlich gewesen und gar nicht überheblich. Eigentlich ganz nett.
Die Stimmung während des Konzerts war wie immer bombastisch. Das Stadion hüpfte, tanzte und sang aus voller Brust. Als es Zeit für die Zugabe wurde, begannen die weiblichen Fans in den vorderen Reihen unruhig zu werden. Jamie hatte eine Standardzugabe; sein Duett “Heaven will cry”, für das er immer eine Freiwillige aus dem Publikum zu sich auf die Bühne holte, die mit ihm singen durfte.
Barbie und Schneewittchen kreischten neben Elena, dass es ihr in den Ohren schmerzte. Mit Erfolg.
Jamie drehte sich tatsächlich in ihre Richtung und kam auf sie zu.
Sich die Hände über die Augen haltend ließ er den Blick durch die hysterische Frauenmenge vor ihm schweifen.
Er streckte seine Hand nach unten und fixierte Elena mit seinen dunkelbraunen Augen. Wie hypnotisiert folgte sie seiner Aufforderung und ließ sich ungläubig aber widerstandslos von ihm auf die Bühne heben.
Als sie perplex neben ihm auf der Bühne stand, verwirrt über das, was gerade passierte, sah sie ihn das erste Mal richtig lächeln. Doch nur den Bruchteil einer Sekunde. Während die Jungs noch schnell die letzten Einstellungen vornahmen, drehte sich Jamie zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr:
“Du bist so anders als die anderen. Du faszinierst mich. Ich will dich kennenlernen. Komm nach dem Konzert ins Acers. Ich werde auf dich warten.”
Elena hatte keine Zeit zu reagieren, denn die Band setzte prompt mit der Musik ein und die ersten Takte des schnulzigen Liebesliedes erfüllten das Stadion. Sie kannte den Text auswendig, schon zig Male hatte sie zuhause den Song mitgesungen. Darauf musste sie sich nicht konzentrieren. Sie kümmerte sich nicht um die tausenden Zuschauer, die ihre Augen auf sie gerichtet hatten, sie kümmerte sich nicht darum, ob sie die Töne hundertprozentig traf. Ihre Gedanken rasten um das, worum Jamie sie gerade gebeten hatte. Es war verrückt, einfach verrückt!
Sie konnte sich nicht danach mit ihm treffen, er würde sie enttäuschen, nur mit ihr ins Bett wollen und sie danach fallen lassen. Er würde ihrer emotionalen Seele schaden und ihr das Herz brechen. Es führte zu nichts, seiner Bitte nachzukommen, er war nun mal ein internationaler Star, der ihr ihre Sehnsüchte nach Häuslichkeit und Beziehung niemals erfüllen konnte und wahrscheinlich gar nicht wollte. Nach der Show dorthin zu gehen, war ein riesiger Fehler.
And even heaven will cry
if you don’t try
just be irrational
this time
Jamie sang seinen Part des Duetts mit Inbrunst, als wollte er ihr mit den Zeilen bei der Entscheidung helfen.
Elena wollte sich mit ihm treffen, sie wollte herausfinden, ob der Sänger doch anders war, als sie vermutete, doch ihr Verstand sendete Warnsignale ohne Ende. Es war keine gute Idee, sie würde leiden. Doch es war Jamie…
just be irrational
this time
Und sie musste es ja nicht darauf ankommen lassen und sich das Herz brechen lassen. Sie war erwachsen und konnte selbst auf sich aufpassen.
just once
just this time
Die durchdringenden Augen und sein atemberaubender Duft nahmen ihr schließlich die Entscheidung ab.
Seine Nähe fühlte sich prickelnd und betörend, sie war alles und noch mehr. Sie würde sich selbst nachgeben.
Nur dieses eine Mal.