top of page
j-a-n-u-p-r-a-s-a-d-wcHWcjH_fI8-unsplash(1).jpg

FASS SIE NICHT AN

Genre: Spannung

Autorin: Maresa May

“Na Schnecke?”

Anzüglich ließ er seinen Blick von ihren nackten Beinen ihren Körper entlang gleiten und schließlich in ihrem Dekoltee verharren.

“Sind deine Eltern Architekten? Du bist nämlich so verdammt gut gebaut!” 

Er stieß einen Pfiff aus und schüttelte die Hand, als hätte er sich verbrannt. 

Das Bier, das er dabei verschüttete, war nicht das erste an diesem Abend und seinen glasigen Augen nach hatte er auch bereits reichlich harte Getränke intus.

Jenny versuchte ihn zu ignorieren und wollte an ihm vorbei zur Tür, um die Stranddisco wieder zu betreten. Doch der Kerl stellte sich ihr in den Weg. Er war einen Kopf größer als sie, blond und breit gebaut. Lässig schnippte er die nur halb zu Ende gerauchte Zigarette zur Seite. Bemüht unbemerkt versuchte Jenny aus den Augenwinkeln zu erkennen, ob noch jemand mit ihnen auf der Terrasse war. Die Disco war nicht besonders groß, aber der Typ da konnte doch nicht der einzige Raucher unter den Besuchern sein. Zumindest um kurz zu telefonieren, wie Jenny es gerade getan hatte, würde doch jemand hinauskommen müssen.

“Geh mir aus dem Weg”, sagte Jenny betont gleichmütig und machte wieder einen Schritt nach vorne. Doch der Betrunkene vor ihr grinste nur süffisant. 

“Deine Augen passen sssssuper zu meiner Bettwäsche.”

Jenny verdrehte die eben angesprochenen Augen und ging ein paar Schritte weg von ihm. Er war vielleicht größer, sie aber war garantiert schneller. Wenn er ihr nachkam, war die Tür wieder frei und sie konnte zurück zu ihren Schulfreundinnen huschen. Diskutieren hatte bei solchen Typen noch nie funktioniert, ihnen aus dem Weg zu gehen, war die praktikabelste Lösung.

“He warte,” rief der Grobschlächtige. Er warf seinen Bierbecher über die Terrassenbrüstung in die Büsche darunter. 

“Schnecke, alles easy, ich will gar nicht mit dir ins Bett. Aufs Sofa reicht auch!”

Das kehlige Lachen, das er ausstieß, war eines der widerlichsten Geräusche, die Jenny je gehört hatte. Er hatte fast zu ihr aufgeschlossen und Jenny nutzte die Gelegenheit, in Richtung Tür zurückzuhuschen - zumindest versuchte sie es. Die Reflexe des aufdringlichen Typen funktionierten allerdings besser, als sie es seinem Zustand zugeschrieben hatte. Er erwischte sie am Handgelenk und zog sie zu sich zurück.

“Wo willst denn hin, Schnecke? Es ist so eine schöne Nacht, bleib doch.”

Jenny wand sich aus der Umarmung und stieß den Unbekannten weg.

“So, so, na warte, ich kann auch anders.”

Seine Augen blitzten nun gefährlich und seine Körperhaltung veränderte sich. Nervös ging Jenny rückwärts. Sie wollte ihn nicht aus ihrem Blickfeld lassen, aber Abstand gewinnen.

“Hau ab!”, forderte sie ihn mit möglichst strenger Stimme auf, erzielte aber keinerlei Reaktion. Zu allem Überfluss spürte sie hinter sich die Steinmauer der Terrasse. Sie stand wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand. Instinktiv streckte sie die Arme schützend vor sich, um die größtmögliche Distanz aufrechtzuerhalten. Sie würde schreien, wenn er ihr zu nahe kam. Das müsste ihn abschrecken. Laut schreien. Gleich, noch ein paar Schritte, noch drei, noch zwei…

“Finger weg von ihr.”

Eine ernste Stimme durchschnitt laut die klare Nacht. Jenny und der Unbekannte drehten sich beide in Richtung Geräuschquelle und sahen einen Mann Ende 20 auf sie zukommen. 

Der Grobian hatte jedoch nicht vor, von Jenny abzurücken.

Angriffslustig erwiderte er: “Ach ja? Und wer bist du?”

Der junge Mann blickte Jenny kurz in die Augen, dann ging er selbstsicher zu ihr und legte ihr einen Arm um die Taille, sodass nun er dem Unbekannten genau gegenüber stand und Jenny damit etwas aus der Schusslinie brachte.

“Ich bin ihr Freund. Also verzieh dich.”

“Du?” Der Fremde zog eine Augenbraue hoch und musterte das Pärchen vor ihnen. 

“Nie im Leben, Kumpel! Du bist doch locker 10 Jahre zu alt für sie! Ist das überhaupt legal, sie ist doch erst 16 oder so!”

“Sie ist 18 und das ist absolut legal. Kümmere du dich lieber um deinen eigenen Kram. Komm Jenny, wir gehen rein-”

“Nicht so schnell. Die ‘Ich bin ihr Freund’-Masche ist doch uralt. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass ich darauf reinfalle! Jetzt spielst du dich als Beschützer auf, damit du die Schnecke nachher selbst flachlegen kannst, ich kenn das doch, du Schweinehund.”

Der Fremde packte Jenny wieder am Handgelenk.

“Fass sie nicht an.”

Die beiden Männern starrten sich einen Moment wütend an.

“Du sollst sie nicht anfassen”, wiederholte der Ältere der beiden bestimmt. 

Der Blonde ließ daraufhin das Handgelenk los und machte ein paar Schritte auf den vermeintlichen Kontrahenten zu, sodass sich beinahe ihre Nasenspitzen berührten.

“Du kannst nicht die ganze Nacht Wachhund spielen. Und weißt du, was ich dann mit ihr mache, mit ‘deiner Freundin’?” 

Er lehnte sich noch näher und flüsterte detaillierter als nötig die widerwärtigsten, obszönsten und erniedrigensten sexuellen Fantasien ins Ohr des anderen Mannes, garniert mit Schimpfwörtern, die selbst einem abgebrühten Kleinganoven die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Mit hochrotem Kopf und geballten Fäusten wandte sich der Ältere nach dieser Provokation ab, atmete tief durch und versuchte nicht darauf einzugehen. Wortlos deutete er Jenny, dass sie gingen und streckte den Arm nach ihr aus, um der Situation Nachdruck zu verleihen. 

“Danke, Herr Falk”, flüsterte sie, als sie nah genug war. Doch kaum hatte sie dem aufdringlichen Typen den Rücken zugedreht, spürte sie einen festen Klaps an ihrem Po. Blitzschnell drehte sie sich um und sah ein dreckiges Grinsen - und keine Sekunde später eine Faust, die dem Widerling eben dieses Grinsen aus dem Gesicht wischte.

“Oh mein Gott, Herr F- äh - Schatz! Was machst du denn, hör auf!”

Die beiden Männer hatten sich zu prügeln begonnen.

“Aus, hört auf, um Himmels Willen! Schluss damit!”

Doch niemand hörte auf Jenny. Sie versuchte dazwischen zu gehen, doch auch das half nichts. Dann zückte sie ihr Handy und wählte.

“Hallo? Polizei? Ja, bitte kommen Sie schnell, es gibt eine Schlägerei in der Disco Del Sol. Ja, genau. Auf der Terrasse. Ja. Danke.”

“Du Schlampe hast die Bullen gerufen?!”

Kurz ließen die Streithähne voneinander ab. Aus der Ferne ertönte eine Polizeisirene, die langsam lauter wurde.

“Verfluchte Schlampe!” 

Mit dieser Beleidigung nahm der Fremde Reißaus. Er sprang über die Steinmauer der Terrasse den Meter hinunter und rannte davon.

Jenny lief zu Herrn Falk. 

“Was sollte das denn? Scheiße, Sie bluten ja. Brauchen Sie einen Krankenwagen?”

Herr Falk verneinte und Jenny kramte nach einem Taschentuch, das sie ihrem Lehrer an die Wunde am Wangenknochen drücken konnte.

“Was machen Sie überhaupt hier?”

“Ihr seid zwar alle über 18, trotzdem haben wir Lehrer sowas wie eine Aufsichtspflicht auf Klassenfahrten. Autsch.”

“Entschuldigung.” 

Jenny hatte ein Taschentuch gefunden und zu fest auf die blutende Wange gedrückt.

“Wir sollten das auswaschen und desinfizieren.”

Jenny wollte schon Richtung Disco gehen, doch Herr Falk hielt sie zurück. 

“Mir wäre es ganz lieb, wenn mich die anderen nicht so sehen.”

“Morgen sehen sie Sie sowieso alle.”

“Ja, aber morgen kann ich mich beim Rasieren geschnitten haben. Es muss keiner wissen, dass ihr Lehrer sich mitten in der Nacht im Hinterhof einer Disco geprügelt hat.”

Jenny überlegte kurz.  

“Salzwasser. Wir gehen am besten runter ans Meer. Da können wir die Wunde auswaschen und das Salz desinfiziert auch gleich.”

“Warte, wir müssen noch auf die Polizei warten.”

“Die kommt nicht”, sagte Jenny und war bereits auf den Steintreppen der Terrasse, die zum Strand führten, “Ich hab nur so getan, als würde ich anrufen.”

“Und die Sirenen?”

“YouTube.”

Herr Falk folgte Jenny.

“Wieso hast du nicht wirklich die Polizei gerufen?”

“Weil Sie die Schlägerei angefangen haben! Da kann ich doch nicht die Polizei rufen, sind Sie verrückt?”

“Er war ein Arschloch, er hat dich belästigt!”

“Aber Sie haben zuerst zugeschlagen! Was um alles in der Welt haben Sie sich dabei gedacht!?”

Herr Falk antwortete nicht sofort. Und als er es tat, war sein Murmeln kaum zu verstehen: “Du weißt nicht, was er gesagt hat.”

Sie waren bereits am Meer angekommen. Jenny holte weitere Taschentücher aus ihrer Tasche, schlüpfte aus den High Heels und watete ein wenig ins Wasser, das in sanften Wellen ihre Beine umspielte. Vorsichtig tauchte sie die Taschentücher ins Salzwasser. Die Meeresbrise zerzauste ihre Haare und ließ ihr Kleidchen ein wenig flattern. Herr Falk hatte sich in den Sand gesetzt und bemühte sich den Blick abzuwenden, so angestrengt, dass er kurz aufschreckte, als er etwas Nasses an seiner Wange spürte.

“Das brennt jetzt”, erklärte Jenny und tupfte mit einem durchnässten Tuch nach dem anderen das Blut weg.

“Als Schnittwunde vom Rasieren werden Sie das nicht verkaufen können. Ich glaube aber, es sieht durch das Blut schlimmer aus, als es ist. Drücken Sie drauf.” 

Herr Falk führte seine Hand zu Jennys, um das Taschentuch an seiner Wange zu übernehmen und durch den Druck die Blutung zu stoppen.

“Was hat der Typ Ihnen ins Ohr geflüstert?”

“Das möcht ich nicht wiederholen.”

“Hören Sie, bei solchen Typen muss man einfach weggehen, egal, was sie einem an den Kopf werfen oder wie sehr sie dich schimpfen und beleidigen, das muss man ignorieren.”

Jenny hatte ein neues Taschentuch gefaltet und hielt es zum Austauschen an das bereits mit Blut vollgesogene.

“Er hat nicht mich beleidigt, er hat dich beleidigt, dich mit Worten entwürdigt, Dinge über dich gesagt… Das konnte ich nicht ignorieren.” 

Herrn Falks Stimme war nur ein Flüstern im Wind, und doch ließ sie Jenny innehalten. Ihre Hand ruhte noch auf seiner Wange. Hatte er gerade indirekt gesagt, dass er sich wegen ihr geprügelt hatte? Für sie?

“Ich hab ihm dreimal gesagt, er soll dich nicht anfassen. Ich… ich konnte nicht anders.”

Jenny versuchte ihre Gedanken zu ordnen, doch es war ein einziges Wirrwarr in ihrem Kopf.

“Dann äh… also wenn das so ein Problem ist auf Klassenfahrten mit dem Anfassen… also… dann sollten Sie schnell zurück in die Disco, ich hab vorhin mindestens drei aus unserer Klasse mit jemanden schmusen gesehen.”

Herr Falk schmunzelte kurz und schüttelte vorsichtig den Kopf. Sein Blick war starr geradeaus aufs offene Meer gerichtet, wo der Mond und die Sterne sich im Wasser spiegelten und es glitzern ließen. 

“Das ist nicht das Problem.” 

In seinem leisen Lachen lag auch eine Spur Verzweiflung. Er wusste, dass er den Augenblick aufzustehen und zu gehen verpasst hatte. Er konnte nicht mehr zurück. Das Adrenalin vom Faustkampf war noch nicht abgeklungen, die stechenden Schmerzen an der Wange und an den Stellen, an denen der eine oder andere Schlag gelandet war, ließen seinen Kopf dröhnen. Der Bass aus der Disco war in abgeschwächter Form bis ans Ufer zu hören. Es wurde schwieriger, einen klaren Gedanken zu fassen und Jennys Hand in seiner auf der Wange machten es unmöglich, zumindest die unsortierten Gedanken für sich zu behalten.

Dich soll niemand anfassen. Das ist das Problem.”

bottom of page