

AUF DEN ERSTEN BLICK
Genre: Schauer
Autorin: Rhea Ross
Die Welt ist kein schöner Ort. War sie nie, wird sie auch nie sein.
Zum großen Teil ist es seine Schuld. Das ultimative Böse, gekleidet in das schwärzeste Schwarz, dass es auf dieser Welt gibt. Innerlich wie äußerlich. Er hat viele Namen und genau so viele Gesichter.
Selbstbewusst steht er mitten auf dem überfüllten Platz und stört vorbeigehende Passanten, die ihm ausweichen müssen. Höchst konzentriert lauscht er den Gesprächen und erst als er seine Augenlider schließt, kann er es spüren.
Unsicherheit. Einsamkeit. Liebesbedürftigkeit.
Neugierig öffnet er seine teuflischen Augen und erblickt sie sofort.
Die junge Kellnerin, die gerade ein älteres Paar bedient, lächelt freundlich und nimmt Bestellungen auf. Sie trägt eine enge, schwarze Hose und ein weites, weißes T-Shirt. Um die Hüfte hat sie eine kurze Schürze umgebunden, an die sie ihren Notizblock und ihren Kugelschreiber befestigt hat. Das braune, zu einem Zopf gebundene Haar, ist lang und glänzt im Sonnenlicht. Ihre honigbraunen Augen funkeln sobald sich ihre kirschroten Lippen zu einem Lächeln formen. Sie trägt keinen Schmuck, weder eine Uhr noch Ringe.
Trotz dieser Schönheit ist es nicht das Aussehen, dass sie endgültig verraten hat, sondern ihre Aura. Nun kann er es deutlich erkennen, diesen violetten Schatten, der sie umgibt. Für gewöhnlich sind es Kinder, die so eine Aura ausstrahlen, aber wie es scheint ist sie ein Prachtexemplar.
Mit Bedacht nähert er sich dem kleinen Café mit Ausblick auf den berühmten Stephansdom, setzt sich auf den freien Stuhl. Selbstbewusst starrt er sie an und wartet geduldig weiter, bis sie schlussendlich zu seinem Tisch kommt. Desinteressiert bestellt er das erste alkoholfreie Getränk von der Karte und schmiedet seinen Plan.
Schnell trinkt er das servierte Getränk aus, doch wie erwartet kann die Flüssigkeit seinen Durst nicht stillen. Die Nahrung, die er braucht, ist weder flüssig noch fest… Sie ist fast unbeschreiblich. Diesen Energieaustausch kann man nur fühlen.
Es ist schon länger her, dass er Energie getankt hat. Um sein wahres Gesicht weiterhin verstecken zu können, muss er dringend eine gute, unschuldige Seele verzehren. Anders geht es nun Mal nicht. Außerdem ist es heutzutage wirklich schwer, gutherzige und aufrichtige Menschen zu finden.
Er nimmt das silberne Tableau vom Tisch und betrachtet sein Spiegelbild. Ein junges, überaus attraktives Gesicht starrt zurück. Große, hellblaue Augen, Dreitagebart, ein skeptischer Blick und etwas längeres, kräftiges Haar.
Von solchen Kerlen träumt sie also… Interessant, er hätte nämlich ein anderes Erscheinungsbild erwartet.
Wieder wanderte sein Blick zu ihr. Dieses Mal lächelte sie ihn anders an und ihre Wangen bekamen einen rosigen Ton, als ob sie sich für ihre Gedanken schämte.
Auch er lächelte. Sein wahres Gesicht würde sie erst zu sehen bekommen, wenn es schon längst zu spät war; wenn er kurz davor war, ihr gewaltvoll die Seele aus der Brust zu reißen. Gelähmt vor Angst würde sie nur zuschauen, wie ihre Lebensfreude auf ihn überging.
Während er wie eine Kirschblüte im Frühling aufging, verwelkte sie innerhalb kürzester Zeit.