

ROSENSEIFE UND LUFFASCHWAMM
Genre: Alltag
Autorin: Rhea Ross
In seinen Arbeitsklamotten, die nach harter Arbeit und schlaflosen Nächten schrien, ging David nach Hause. Er nahm den Weg durch die unscheinbare Seitengasse und hielt Ausschau, bis er das Kartonhäuschen von Richie erkannte.
„Hallo Kollege“, grüßte er den Obdachlosen, der dieses Mal aufstand und auf ihn reagierte. Wie es schien, hatte Richie großen Respekt für den Mann, der ihn seit Wochen ernährte.
„Komm, ich spendiere dir wieder einer Döner.“
Schweigsam wie immer trat Richie näher. Er mochte kein Tageslicht und schämte sich für sein Aussehen. Der Hunger aber war so groß, dass er es wagte, sein Erscheinungsbild am späten Nachmittag zu zeigen.
David und Richie setzten sich auf eine nahe gelegene Sitzbank, wo erst einmal schweigsam gegessen wurde. Ein kleines Ritual, das sie eingeführt hatten, seit David seinen ehemaligen Bekannten auf der Straße entdeckt hatte. Zuerst hatte Richie David ignoriert, sich immer wieder von ihm abgewandt, wenn dieser ihm ins Gesicht schauen wollte. David hatte ihm einen geschützten Schlafplatz empfohlen und war danach wochenlang immer wieder an dieser Stelle vorbeigekommen, um nach dem Obdachlosen zu sehen. Die Annäherung funktionierte nach und nach, doch mehr als fünf Wörter hatten sie bisher trotzdem nicht gewechselt. Richie setzte sich mit David auf eine Bank, sie aßen gemeinsam und beobachteten anschließend für eine Weile das Treiben auf der Straße, während David die Menschen, Hunde und Fahrzeuge kommentierte oder von den alten gemeinsamen Zeiten erzählte.
“Richie, es wird langsam Zeit, dass wir reden“, sagte David diesmal schließlich, als er den letzten Bissen seines Döners geschluckt hatte. Seine Freundin Paula kochte nicht, darum nutzte er die Gelegenheit, seinen Hunger zusammen mit Richie zu stillen.
„Also. Hat dir jemand die Zunge abgeschnitten?“
Der Obdachlose schüttelte seinen Kopf.
„Hat dich jemand bedroht? Dir ein Sprechverbot erteilt?“
„Nein…“, sagte er schließlich und David wurde aufmerksamer. Das war ein gewaltiger Fortschritt.
„Ich…“
„Was? Mir kannst du alles sagen… ehrlich. Ich werde keinem ein einziges Sterbenswörtchen sagen, versprochen!“
Richie lächelte.
„Das weiß ich. Du warst der beste Kollege.“
„Dann erzähl mir, was passiert ist.“
Aber Richie schien wieder verunsichert.
„Na gut. Dann erzähle ich dir zuerst etwas, damit du warm wirst. Und dann erzählst du mir deine Geschichte, okay?“
Er nickte zustimmend.
„Na gut. Also ich habe ich mich selbstständig gemacht. Mir fehlt aber noch eine einzige Person, damit wir komplett sind.“
Richie horchte aufmerksam zu.
„Du.“
„Ich?“, wiederholte Richie sofort und hob seine Augenbrauen hoch. Verwundert starrte er David an. „Wer braucht einen Penner wie mich? Einen Nichtsnutz, den keiner haben will?“
„Falsch. Ich brauche dich und will dich für mein Geschäft“, sagte David aufrichtig und sprach weiter, während sich in Richies Augen ein Tränenfilm bildete. „Ich habe ein Blumengeschäft und brauche einen kompetenten Floristen. Und wer kennt sich mit Blumen besser aus als du?“
Richie schwieg.
„Das ist mein Ernst. Ich will dir eine Chance geben, das zu tun, was du am besten kannst und wofür deine Seele brennt. Ich erinnere mich, wie du von jeder Blumenart den Namen gewusst hast, was welche Pflanze hatte und brauchte… Ich weiß, dass dein Wissen immer noch irgendwo da drinnen ist.“
Endlich brachte Richie genug Kraft auf, um seine Geschichte preiszugeben.
„Die Frau, in die ich so sehr geliebt habe, hat mich reingelegt. Sie war eine Diebin, hat mir alles genommen und als ich in Pension ging, hatte ich nicht genug, um die Miete zu bezahlen. Irgendwie bin ich dann auf der Straße gelandet. Meine Freude am Leben und das Interesse an Blumen sind nicht mehr vorhanden. Du hast dir umsonst Hoffnungen gemacht.“
Die gebrochene Gestalt von Richie schmerzte David im Herzen. Er war ein guter Kerl und naiv, und das hat jemand ausgenutzt. Jetzt war er ganz allein, fühlte sich ungeliebt und hatte nicht einmal ein Dach über den Kopf.
„Bitte Richie, komm mit mir mit. Ich will dir meinen Laden zeigen.“
Er wirkte interessiert, zögerte eine Weile und willigte dann schließlich ein.
„Sehr gut! Komm mit, ich wohne dort gleich um die Ecke. Ich muss mich umziehen und dann gehen wir gleich.“
Richie schien besorgt.
„Keine Sorge, es ist keiner zu Hause. Paula arbeitet den ganzen Tag, die ärmste. Aber bald werde ich so viel Geld verdienen, dass sie vielleicht gar nicht mehr arbeiten muss…“
Beide gingen die schmale Straße entlang und es war David, der seinen Mund nicht halten konnte. Er war glücklicher denn je. Alles, was er haben wollte, bekam er. Noch nie im Leben hatte er so eine Glückssträhne gehabt wie in den letzten Monaten. Das Leben fühlte sich fast zu gut an, sodass ein ungutes Gefühl in ihm hochkroch, welches er tunlichst zu unterdrücken versuchte.
Er sperrte die Wohnungstüre auf und zeigte Richie, wo das Badezimmer war.
„Wasch dir mal die Hände und das Gesicht. Danach fühlt man sich wie neugeboren!“, bemerkte er und ließ ihn im Badezimmer alleine. David ging weiter in die Küche und fand dort ein Hemd und Hosen, die er in der Früh gebügelt und über die zwei Stühle aufgehängt hatte, weil er keinen Kleiderbügel bei der Hand gehabt hatte. Gerade als er seinen Reißverschluss schließen wollte, bildete er sich ein, Paulas Gekicher zu hören.
„Das kann nicht sein“, sagte er zu sich selbst. Trotzdem aber ging er langsam ins Wohnzimmer, wo er es noch lauter hörte. Es war tatsächlich Paulas Stimme, eindeutig! Ruckartig riss er die Schlafzimmertüre auf und sah, was er nicht sehen sollte. Paula und Ben lagen im Bett, beide nackt.
„David! Was machst du schon zuhause?“, fragte sie und suchte hektisch nach einem Kleidungsstück, um sich zu bedecken.
Schockiert, verwirrt und überfordert, lachte David.
„Du fragst mich, was ich hier mache? Die wohl interessantere Frage ist, was ihr beide da macht!“
„Wir haben nur…“
„Ja, ich sehe genau, was ihr da getrieben habt“, kommentierte David. Er schüttelte seinen Kopf und starrte ungläubig Ben an.
“Ich dachte du wärst schwul! Was soll die Scheiße man?!”
„Wer behauptet denn sowas?“ Ben grinste amüsiert und anzüglich in Paulas Richtung.
„Allerdings sollte man im Leben alles einmal ausprobiert haben. Wie sieht’s aus, warum stoßt du nicht einfach zu uns? Ich kann dir Erfahrungen bescheren, die du garantiert noch nicht erlebt hast.“
„Ich bescher dir gleich einen Krankenhausaufenthalt, wenn du nicht gleich verschwindest! Weil ich höchstens mit einem Messer zu euch stoßen würde!“
David sah rot vor Wut. Unruhig zappelte er auf seinem Fleck und wagte nicht, seinen Zorn Überhand gewinnen zu lassen. Dass ihn dieser widerlichen Solarium-Hipster so angrinste, vertrug weder sein Herz, noch sein Magen. Seine Finger zuckten bereits und David musste sich zurückhalten, nicht der Versuchung nachzugeben, diesem Scheißkerl das dreckige Grinsen mit der Faust aus dem Gesicht zu wischen.
„Bro, chill mal. Ist doch alles halb so wild.“
„Vergiss es, ich verschwinde!“
David hatte genug gehört und verließ das Zimmer. Paula hatte schon einen Bademantel umgebunden und lief ihm nach.
„Was tust du jetzt? Wir reden nachher in aller Ruhe darüber.“
„Worüber willst du mit mir noch reden? Willst mir etwa erzählen, wie viel Spaß ihr gemeinsam hattet, oder wie oft? Es ist aus. Vorbei, Ende Gelände.“
Er stopfte die wichtigsten Sachen in seine Sporttasche und ging durch die Küche ins Vorzimmer. Paula stand ihm auch hier im Weg.
„Wo willst du denn hin?“
„Das kann dir ja scheiß egal sein! War bisher doch auch so!“
Beide starrten sich an. David, enttäuscht und verletzt, obwohl er es nicht zeigen wollte, und Paula, wütend über ihr fahrlässiges Handeln, das sie bisher so gut verstecken konnte. In diesem Augenblick ging die Badezimmertür auf. Dampf trat hervor und ein neuer Richie, gebadet, rasiert, gekämmt und in Davids alte Sachen gekleidet, stand vor ihnen.
„Du hast Recht, eine Dusche bewirkt Wunder! Ich fühle mich tatsächlich wie neugeboren“, verkündete er glücklich und wirkte verwundert über die plötzliche Stimmungsschwankung.
„Wer sind Sie?“, fragte Paula angewidert und gleichzeitig überrascht. Richie schwieg und traute sich kein Wort zu sagen. Dafür war David in Plauderlaune.
„Ein Obdachloser, der sich soeben mit deiner Rosenseife gewaschen und sich mit deinem Handtuch den Arsch abgewischt hat! Es gibt doch eine Gerechtigkeit auf dieser Welt!“, sagte er und drehte sich zu Richie um. „Ich hoffe du hast auch ihren Luffaschwamm verwendet-„
„Genug jetzt!“, schrie Paula angewidert.
Richie fühlte sich so gut, dass ihn nichts beleidigen oder seine Laune vermiesen konnte. Zufrieden lächelte er und nickte mit dem Kopf.
„Komm Kumpel, verschwinden wir von hier.“
Noch während er diese Worte hasserfüllt in den Raum spuckte, machte David auf dem Absatz kehrt und stürmte nach draußen. Kurz zögerte er vor der Eingangstüre. Wohin jetzt mit ihm? Doch als er aus dem Schlafzimmer noch gedämpft Bens leicht näselnde Stimme hörte: „Wieso flippt er denn jetzt so im Quadrat, war doch die letzten zehn Monate auch kein Problem….“ war das Thema für David endgültig erledigt. Zehn Monate ging Paula mit Ben schon ins Bett und ihn hatte sie ruhig gehalten mit der Beschwichtigung, er wäre schwul. Nur, damit er weiterhin den Dummen für sie spielte! Es war egal, wo er hinging. Nur hier konnte er unter keinen Umständen mehr bleiben.