

WIE AUF WOLKEN
Genre: Traumsequenz / Spannung
Autorin: Maresa May
Alles war gut. Er lag auf weichen Kissen, inmitten der flauschigsten Wolken und fühlte sich geborgen und sicher. Keine Geräusche irritierten, so sehr war er in Watte gepackt worden. Nicht einmal seine eigenen Gedanken konnte er hören, denn er hatte im Moment keine Gedanken. Nur die entlastende Leere im Kopf. Bequem, ruhig, friedlich. Und so federleicht, als wöge er kein Gramm.
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Sanft begann die Wattewolke hin und her zu wiegen, wie die leichten Wellen einer sonst ruhigen See, die ihn in den Schlaf schaukeln wollten. Doch er schlief schon längst. Den tiefsten und erholsamsten Schlaf, traumlos und leicht.
Das Schaukeln wurde etwas stärker, und er spürte, wie er an Schwere gewann, um dem Wiegen nachgeben zu können. Gewichtslose Masse ließe sich ja nicht bewegen. Er schwebte über einer Szenerie wie ein unbeteiligter Beobachter, immer noch urteilsfrei und gedankenlos, gepackt in sein sicheres, schwankendes Wölkchen. Er sah die Familienfeier seines Großvaters vor sich. Opa, der seine lang verschollen geglaubte älteste Halbschwester Rena durch Zufall wieder gefunden hatte, nachdem deren Mutter mit ihr 1930 nach Israel geflüchtet war. Die Familienfeier, die zwei Familien aus zwei Kulturkreisen vereinte. Die Szenerie wechselte und der Big Ben türmte sich vor seinen Augen auf. Eine blonde Frau mit markanten Wangenknochen versuchte ihm etwas zu sagen, doch er hörte sie nicht. Nichts konnte er hören, die Watte schützte noch immer seine Ohren. Er sah einige Promis tanzen, lachen, trinken und Drogen nehmen. Sie verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Dort flatterte plötzlich eine Eule auf und stieg gen sternenklaren Himmel. Wasser lag vor ihm, das Meer, dunkel und ruhig. Ein Kollege tauchte vor ihm auf und gestikulierte, versuchte ihn wohl zu etwas zu überreden, das er nicht verstand. Er sah sich selbst, unsicher, traurig, ängstlich und verzweifelt. Ein wenig der verhüllenden Watte begann sich aufzulösen. Jetzt stand er in einem Hinterhof voller Müllcontainer und bedrohte Elena und ihre Freundinnen. Woher kam das? Diese Szene hatte nicht er erlebt, sondern der Typ, der seine Erinnerungen und Optik gestohlen hatte! Und doch fühlte es sich mit einem Mal so real an, dass es ihn schaudern ließ. Die Watte unter ihm verwandelte sich langsam in Federn, doch bevor er durch sie hindurchfallen konnte, verdichteten sie sich wie die Watte vor ihnen und formten ein weiches Bett. Auch der Rest der flaumigen weißen Baumwolle verschwand langsam mehr und mehr um ihn herum. Der fehlende Schutz ließ ihn ein wenig frösteln, die Wärme und die damit verbundene Geborgenheit waren weg.
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Er fühlte mit seinem Avatar beim Müllplatz mit. Er fühlte dessen Auftragsbewusstsein, dessen Loyalität. Er fühlte seine Kälte und die fehlenden Skrupel. Er musste zu Jess stehen. Sie war sein Boss. Die andern lagen falsch, sie waren die Guten. Immerhin ging es hier um mehr als um ein paar Menschenleben.
Seinen Beobachtungsposten hatte er mit dem Verlust der sicheren Wolke verlassen, er war nun auf festem Boden und mitten im Geschehen. In Sekundenschnelle durchlief er verschiedenste Stationen; er lernte für die Matura, schoss ein Tor am Fußballplatz, tanzte auf einem Ball. Er küsste Elena in dem Separee der Londoner Bar, schmuggelte Substanzen in fremde Gläser und beseitigte einen leblosen Körper. Diese wahnsinnige Anne versuchte ihn zu verführen und stach auf ihn ein. Er schlief im Flugzeug, er trank ein Bier und spazierte am plätschernden Bach. Die Ohren waren nun wieder frei und vernahmen das leise Rauschen, das immer lauter wurde. Der Bach wurde zum reißenden Fluss. Stimmen mischten sich mit denen in seinem Kopf, die ihr Schweigen beendet hatten und als Gedanken wieder ungezügelt ihre Zweifel, Ängste und Überlegungen preisgaben. Er spürte einen Schmerz in seinem Brustkorb. Mehrere verschiedene Schmerzen. Die Bilder verschwanden, kleine Blitze zuckten vor seinen Augen. Eine Frauenstimme mit russischen Akzent sprach etwas Unverständliches, ein männlicher Bariton antwortete.
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“Nicht, mylij, daragoj…schlaf...”, glaubte er zwischen nervigen Piep-Geräuschen zu hören bevor eine sanfte Woge der Gleichgültigkeit über ihn kam, die ihn erneut in Watte packte und seinen Geist von all den Sorgen und Schmerzen befreite.