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Italienisches Restaurant

PIZZA DI FAMIGLIA

Genre: Spannung

Autorin: Maresa May

Es war unser zweites Date. Federico hatte ein kleines, aber feines Ristorante ausgewählt, das sämtliche Pizzerien, die ich bisher kannte, in den Schatten stellte. Der Chianti wurde in Korbflaschen serviert, die Tischdecken hatten das charmante rot-weiße Karomuster und eine große dünne Kerze zierte die Mitte jeden Tisches, der gerade groß genug für zwei Personen war. Für eine Verabredung, bei der es ruhig kuscheliger werden durfte, waren sie perfekt. Sogar ein Akkordeonspieler unterhielt die Gäste. Mehr Romantik ging nicht.Wir hatten kaum das Lokal betreten, da eilte auch schon einer der Kellner - oder war er gar der Chef? - auf uns zu, schüttelte Federico überschwänglich beide Hände und führte uns anschließend zu seinem, wie er selbst betonte, besten Tisch. Ein weiterer Kellner rückte mir den Stuhl zurecht, ein dritter servierte unaufgefordert den rubinroten Wein und eine Platte Antipasti.

Federico prostete mir zu und forderte mich dann wortlos auf, zuzugreifen. Er selbst nippte nur an seinem Wein und beobachtete die restlichen Menschen im Lokal, während ich vom besten Prosciutto, Mozzarella di bufala und Meeresfrüchte-Cocktail meines Lebens naschte.

"Cameriere!"

Federico rief nicht laut nach dem Ristorante-Chef, aber dieser ließ sofort alles stehen und liegen und eilte zu unserem Tisch.

"Was wünscht mein liebster Gast?"

Federico wählte die nächsten Worte mit Bedacht, wie alles, was er sagte.

"Welche Pizza empfehlen Sie uns heute?"

"Aaaah", strahlte der Cameriere erfreut und wirkte dabei ein wenig nervös, ob es den Geschmack seiner Gäste treffen würde.

"Sie müssen die Pizza di famiglia nehmen. Extra viele Oliven. Mit steinhartem Kern!"

Federico nickte und der Cameriere wollte schon gehen, doch mir entschlüpfte ein enttäuschtes: "Och nee, ich mag aber keine Oliven!"

Vier beinahe schwarze Männeraugen starrten mich an.

"Aber Signorina, wir haben die besten Oliven der Welt!", erwiderte der Cameriere hektisch, "Die sind besonders!"

"Mia cara, hier in Italien sind Oliven auf jeder Pizza", versuchte auch Federico mich zu überreden.

"Dann lassen wir sie doch einfach weg!"

"Aber, aber..." Auf der Stirn des Camerieres hatten sich Schweißperlen gebildet.

"Bella, die MUSST du probieren, glaube mir, wenn nicht, wirst du es bereuen", insistierte Federico. Sein durchdringender Blick ließ keine Widerrede gelten. Ich gab mich geschlagen. Immerhin wollte ich ja unbedingt einen Mann, der weiß, was er will. Mein Begleiter erhielt eine SMS. Ein Notfall in der Arbeit. Er ließ die Pizza zum Mitnehmen einpacken, drückte mir die Schachtel mit solch Umsicht in die Hand, als wäre es ein geheimer Drogenhandel. Ein Arbeitskollege, der vor dem Lokal gewartet hatte, brachte mich in einem Auto mit getönten Scheiben nach Hause. Es würde nicht lange dauern. Ich sollte auf ihn warten, er brächte mir eine Pizza ohne Oliven, ich sollte auf seine inzwischen nur gut Acht geben.

Zuhause obsiegte jedoch bald der Hunger und die Neugier, also öffnete ich den Pizzakarton und schnappte mir eine der gefühlt 100 Oliven, aus der mir etwas entgegenglitzerte. Funkelnde Olivenkerne? Ich pulte das Ding heraus und erstarrte. Ich nahm eine andere Olive: Die gleiche harte, glänzende Füllung. Am Ende hatte sich der Deckel der Pizzaschachtel mit 100 kleinen Diamanten gefüllt, während ich zitternd jede kleine Geste, jedes Wort und jede Begegnung mit Federico oder seinen "Kollegen" im Geiste Revue passieren ließ.

Ich begann zu schwitzen.

Pizza di famiglia - die famiglia, die Bezeichnung für die Mafia. Und Federico hatte mich unwissentlich mitten hineingezogen.

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