

EHEVERSPRECHER
Genre: Romantik
Autorin: Maresa May
“Wieso sind wir noch mal eine halbe Stunde vor den anderen da?”, fragte Lea ihre Freundin Desiree, als diese mit ihren hochhackigen Brautschuhen durch das unebene Gelände zur Location stapfte. Als Trauzeugin war Lea dafür da, ihrer Freundin den Tag so schön wie möglich zu machen. Schmutzige Schuhe und ein gebrochener Knöchel waren dabei nicht vorgesehen, doch sie hatte keine Chance, es Desiree auszureden. Schließlich war es ihr Tag und einer Braut widersprach man nicht.
Und eben diese Braut wollte unbedingt noch einmal vor Zeremoniebeginn die Trauungslocation begutachten. Die Floristin hatte versprochen, Azaleen vorbeizubringen und Desiree wollte sichergehen, dass sie sowie die personalisierten Schilder für die Sessel bereitlagen. Der Ort war romantisch und nahezu magisch. Leicht auf einer Anhöhe gelegen mit einem wunderschönen Ausblick über die Weinberge. Felsen im Hintergrund und der Wald rundeten die Location ab. Kein Wunder, dass die Hochzeitslocation von April bis September Hochbetrieb hatte und an den Wochenenden mehrere Trauungen hintereinander stattfanden. Da Desiree sich ansonsten komplett selbst um die Dekoration gekümmert hatte, war es für sie schwer zu verdauen, dass sie bei der Trauung selbst nur Kleinigkeiten zur Standardausstattung hinzufügen konnte und diese Kleinigkeiten auch erst knapp vorher angepasst werden konnten. Doch das war wohl der Preis für die Traumhochzeit. Ein anderer Ort kam für sie nicht in Frage.
“Aber Desi, die Standesbeamtin hat doch gemeint, sie kümmert sich darum, dass sie nach der vorhergehenden Hochzeit die Schilder anbringt und die Azaleen verteilt.”
Lea hatte nicht so hohe Schuhe oder so ein ausladendes Kleid an wie ihre beste Freundin und trotzdem war ihr diese um Längen voraus.
“Ich will nur sichergehen, dass alles da ist.”
“Aber da wird noch die andere Hochzeit sein!”
Auf dem Parkplatz waren genug Autos gewesen, die zumindest darauf hindeuteten, dass die Gäste der Zeremonie vor ihnen noch nicht weg waren. Ihre eigenen Gäste würden sich erst in einer halben Stunde unten zum gemeinsamen Aufstieg versammeln.
“Ach Lea, wir schauen doch nur, wir sind ganz unauffällig.”
“Klar, mit deinem ausladenden Glitzer-Prinzessinnen-Tüll bist du absolut unauffällig.”
Desiree streckte ihr die Zunge entgegen. Als sie das Plateau erreichten, standen dort Menschen in kleinen Grüppchen zusammen. Desiree und Lea versuchten unauffällig nach den Blumen und den Schildern Ausschau zu halten. Desiree verblieb dabei aufgrund ihres Brautkleides eher am Rand und hinter den aufgestellten Bars und Cateringtischen, Lea, die in einer Festgesellschaft eher nicht auffallen würde, sollte die Umgebung in der Location selbst überprüfen. Doch Lea wurde aufgehalten.
“Lea! Wie schön, dass du auch da bist! Du siehst ja umwerfend aus! Ich wusste gar nicht, dass du kommst!”, hörte sie eine bekannte Stimme. Ralf stand vor ihr, nervöser als er in der Schule je gewesen war.
“Oh Ralf! Hi! Was machst du denn da?”, fragte sie ertappt. Er gehörte definitiv zur falschen Festgesellschaft und sie wollte sich nicht als Eindringling outen.
Zu ihrer Überraschung lachte Ralf laut auf.
“Na ich heirate!”
Sprachlos suchte Lea nach den richtigen Worten, als ihr Desiree aus einiger Entfernung zuwinkte und den Daumen nach oben zeigte.
“Ralf, ich, also, gratuliere! Du, ich muss leider weg, noch mal herzliche Gratulation!”
“Jetzt warte doch, was ist - Desiree?!” Ralf war Leas Blick gefolgt und hatte Desiree in ihrem Brautkleid am Rande der Festgesellschaft entdeckt. Gemeinsam mit Lea ging er zu ihr und Desiree klärte ihn über ihre Anwesenheit auf.
“Und ich hab schon gedacht, wir machen einen Brauttausch!”
​
Zum Glück war Ralf schon immer humorvoll gewesen und schaffte es, die Situation auch jetzt mit einem Witz und seinem Lachen zu entschärfen. Desiree und Lea hatten sich in der Schule blendend mit Ralf verstanden und waren die Lieblingszuschauer seiner Fußballmannschaft gewesen. Kein einziges Mal hatten sie für Karten, Getränke oder Essen bezahlen, geschweige denn sich um ein Taxi nach Hause kümmern müssen. Doch nach der Schule verloren sie den Kontakt. Das letzte Treffen war nun fast schon zehn Jahre her. Schade eigentlich. Denn es hatte sich nichts verändert. So wie das Dreiergespann da stand und miteinander scherzte, fühlten sie sich in die Schulzeit zurückversetzt. Sie harmonierten noch immer und alle drei bedauerten es, dass sich diese wohltuende Freundschaft aus den Augen verloren hatte. Niemandem war bewusst gewesen, wie sehr sie sich vermisst hatten. Für einen kurzen Moment standen sie sich nur gegenüber, lächelten sich verklärt und beinahe rührselig an, als jeder von ihnen seiner eigenen Erinnerung an damals nachhing.
Ralf machte einige Male Anstalten, als wollte er etwas sagen, hatte aber die Worte noch nicht gefunden. Er setzte an, doch beendete danach nur seinen Atemzug durch ein geräuschvolles Ausatmen.
“Ralfi, wos isn da los? Die Elli kummt glei, du musst vor zum Traubogen. Jessas, do is jo no a Braut, host du die Braut austauscht, oder wos?”
Ralf musste über seinen Trauzeugen schmunzeln, blieb jedoch bitterernst.
“Das ist die Backup-Braut, falls mich die Elli sitzen lasst.”
“Na nur über meine Leiche!”, rief Desiree gespielt empört und stimmte in Leas lautes Lachen mit ein. Ralf verabschiedete sich mit einem scheuen Winken und ließ sich von seinem Trauzeugen nach vorne bringen. Die Festgesellschaft wurde ruhiger und nahm ihre Plätze ein.
Desiree deutete Lea auf die Sesseln der letzten Reihe. Sie hatten genug Zeit und wenn sie schon da waren, dann konnten sie sich auch die Hochzeit eines alten Schulfreundes ansehen. Lea war das nur Recht. Die Aussicht, gleich hier oben bleiben zu können und nicht noch mal in den Stilettos den schottrigen Weg runter und wieder hinauflatschen zu müssen, war äußerst verlockend. Dass Desiree in den noch höheren Schuhen mit den Bergen an Tüll das alles egal zu sein schien, war ihr noch immer ein Rätsel.
“....Ich nehme dich heute zu meiner Ehefrau, mit glühender Freude und springendem Herzen. Denn ich weiß, dass du mein ewiger Freund, vertrauter Partner und meine einzig wahre Liebe bist. Und ich verspreche dich zu lieben und zu ehren, und unsere gemeinsamen Momente wertzuschätzen, in guten wie in schlechten Zeiten, jetzt und für immer. Heute sage ich vor all unseren Freunden und Familien JA zu dir und zu unserem gemeinsamen Leben, und schreie es in die Welt hinaus für alle hörbar, dass ich dich liebe, Lea. Elli. Elli! Um Gottes Willen; natürlich Elli!”
Die Menge atmete als großes Pulk gemeinsam laut auf, hörbar bis zum Parkplatz.
Desiree sah Lea verdutzt an, die sich erschrocken eine Hand vor den Mund geschlagen hatte, um ihr erschrockenes Aufatmen zu dämpfen. Sie fing den Blick ihrer Freundin auf, fasste sie an der Hand und zog sie hinter sich auf.
“Lauf! Komm schon, nichts wie weg hier!”, raunte sie ihr im Tumult zu. Die Hochzeitsgäste hatten zu tuscheln begonnen, rutschten zum Teil unruhig auf ihren Plätzen hin und her und begannen sich umzusehen. Natürlich mussten ihre Blicke an der glitzernden Braut und ihrer Brautjungfer hängen bleiben, die argwöhnisch beäugt und insgeheim verurteilt wurden.
Desiree und Lea bekamen von all dem nichts mit, sie mussten nur weg. Leas Herz klopfte wie verrückt und ihr wurde schwindelig von den vielen Gedanken, die ihr gleichzeitig im Kopf herumschwirrten. Was war eben passiert? Er hatte sich versprochen, das hatte nichts zu bedeuten. Ein zugegeben peinlicher Fehler, ausgerechnet im Ehegelübde, aber Fehler waren menschlich und er hatte es doch nicht so gemeint. Oder doch? Wäre es schlimm, wenn er sich nicht versprochen hatte? Natürlich! Natürlich nicht? Es wäre eine Katastrophe. Nein, es wäre wundervoll!
Lea machte einen Fehler. Sie drehte sich noch einmal um. Ihre Blicke trafen sich und sie wusste Bescheid. Ihr Herz schlug vor Nervosität und Anspannung Purzelbäume.
Ralf machte ebenso einen Fehler. Er war mit seinen Gedanken überall, nur nicht im Hier und Jetzt.
Die Standesbeamtin hatte mit Zustimmung der Braut den Versprecher überspielt, um die Festgesellschaft nicht noch mehr in Aufruhr zu versetzen. Elli hatte gute Miene zum bösen Spiel gemacht und bereits ihr Jawort gegeben.
“... dann antworte mit ‘Ja’. Ralf?”
Jäh wurde der Angesprochene aus seinen Tagträumereien gerissen und antwortete mit einem folgenschweren: “Ja?”