

DER CLOWN
Genre: Horror
Autorin: Rhea Ross
Als Clown verkleidet verbrachte er jeden Tag im Vergnügungspark und hasste die Menschenmasse, in der er sich aufhalten musste. Hinter seiner grinsenden Fratze versteckte er einen mürrischen Blick und den Hass auf die Menschen, die ihm den Weg kreuzten.
Am meisten aber hasste er die Unruhestifter, die ihn provozierten und in der Öffentlichkeit demütigten. Das Schlimmste war, dass niemand einschritt und ihm zur Hilfe eilte. Nein, die Menschen wollten sich nicht einmischen und manche von ihnen waren sogar unterhalten durch die Erniedrigungen, die der Clown auf der Straße erdulden musste. Keiner interessierte sich für diesen Mann, der bei jeder Wetterlage seinen Einkaufsroller mit Schwertern, Hunden, Blumen und anderen Luftballonfiguren drauf, überall mit sich schleppte.
Er war sehr ruhig und hatte auch nur wenig zu sagen. Er verständigte sich lieber pantomimisch und mochte es auch nicht, wenn man ihm zu nahe kam. Er trug immer das gleiche Kostüm: eine bunt karierte Hose, knallrote Schuhe, einen langen ausgebleichten Mantel. Sein Gesicht war angemalt und auf der Nase war eine rote Schaumstoffnase angebracht. Auf seinem Kopf balancierte er eine bunte Mütze, aus der grüne, rote und gelbe Stacheln hervortraten.
Ein Clown zu sein machte ihm schon lange keinen Spaß mehr, denn die Zeiten hatten sich geändert. Die Kinder freuten sich nicht über ihn, sie bemerkten ihn nicht einmal - so sehr waren sie mit ihren Tablets und Handys beschäftigt, auf denen sie Zeichentrickfilme und YouTube-Videos anschauten, damit die Eltern in Ruhe plaudern und den Spaziergang genießen konnten.
Wieder einmal hatte eine Gruppe betrunkener Männer, mit Bierflaschen in den Händen, amüsiert gelacht, als einer von ihnen den Clown in den Bauch boxte und ihn zwang, mit herabgelassener Hose ein selbstkomponiertes und höchst demütigendes Lied zu singen, während die Besucher im Vorbeigehen neugierig zusahen.
Doch keiner griff ein, keiner rief die Polizei. Sein Peiniger stahl ihm seine gesamten, hart erarbeiten Tageseinnahmen samt seinem Gutschein für eine Gratisfahrt mit der Geisterbahn. Der Clown spuckte Blut und lag am Boden, aber er lächelte insgeheim. Er wusste, dass er seinen Peiniger heute wiedersehen würde. Es war nämlich Halloween.
Nur an diesem einen Tag fühlte sich das Clown-Sein wie eine Bestimmung an.
Euphorisch streifte er sich das spezielle Kostüm über, welches viel edler und teurer war als das, was er täglich auf der Straße trug. Der dunkelblaue Samtstoff war mit goldenen Sternchen übersät und schimmerte im Licht. Große weiße Rüschen schmückten seinen Hals sowie seine Fußknöchel und Handgelenke. Auch das Make-Up trug er dicker und dramatischer auf als üblich. Sogar seine lilafarbenen Schuhe waren neu und glänzten im Licht.
Im Vergnügungspark war der Teufel los, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine übergroße Figur wurde am Scheiterhaufen verbrannt, während Zombies, Hexen und Vampire frei herumliefen. Es war laut, dunkel und überfüllt. In der Luft roch es nach Süßem und Frittiertem. Fast jeder Besucher war angetrunken oder schräg drauf.
Ideale Voraussetzungen.
Unauffällig schlich er zum geheimen Eingang der Geisterbahn. Er scannte die Gesichter in der Warteschlange ab und grinste breit, als er seinen Peiniger wiedererkannte. Geduldig spähte er weiter, bis sich der Mann in die Chaise Nummer 13 setzte und los fuhr. Sofort schlich auch er sich in das Geisterhaus und verschwand in der Dunkelheit.
Die Innenbeleuchtung der Animatronics half ihm der paarweise ausgelegten Schienen zu folgen. Er musste sich nicht verstecken. Auf dem Weg zum Ausgang erschrecke er die Besucher, manche absichtlich und manche ohne es zu merken. Das Messer in seiner Hand blitzte jedes Mal auf, wenn die Beleuchtungseinrichtung der Fotostation ausgelöst wurde. Dort stand er und wartete.
Draußen, vor dem Eingang sowie beim Ausgang, waren große Bildschirme montiert. Die euphorischen Besucher konnten sich nach der Fahrt ihr Foto als Andenken kaufen, während den Besuchern vor dem Eingang ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sie drinnen erwartete, geliefert wurde.
Nach zahlreichen erschrockenen Gesichtern kam ein zutiefst verstörendes und enkelerregendes Foto von einem Mann, dem ein Messer in der Brust steckte. Aus seinem Mund floss Blut und sein Kopf war seitlich geneigt. Man konnte die erstarrte Angst in seinen toten Augen ablesen.
„Boah, das sieht ja total echt aus!“, rief ein Teenager fasziniert und deutete auf das Bild mit dem Mann aus dem Wagon Nummer 13.