

ABSCHLUSSBALL
Genre: Romantik
Autorin: Maresa May
Gut sah er aus in diesem Anzug. Verdammt gut.
Bisher war ihr das gar nicht aufgefallen. Doch jetzt, wo der Abschlussball offiziell eröffnet war und alle Programmpunkte beinahe unverschämt gut über die Bühne gebracht worden waren, schaffte es auch Cora sich endlich ein wenig zu entspannen.
Im Ballkomitee zu sitzen hatte sich vor einem Jahr noch angenehmer angehört, als es letztendlich gewesen war, vor allem, wenn die Abschlussklassen die Hauptverantwortung über jede Kleinigkeit bei ihnen abluden.
Aber jetzt war es geschafft und sie hatte ausschließlich glückliche Gesichter gesehen.
Eine Runde Lob für die letzten schwer Schuftenden von der gerade beendeten Mitternachtseinlage, und dann würde sich Cora ganz ohne schlechtes Gewissen von ihren Pflichten befreien.
“Ihr wart super, Timo, Justus! Bravo, Alice, ganz toll, Irena! Oh, Alex, deine Einlage war fantastisch!
Na und Professor Weber, ein Traum! Ich hab noch nie eine elegantere Ballerina gesehen!”
Cora ging durch die Garderoben und verteilte an jeden, der ihr über den Weg lief, ein aufrichtiges und persönliches Kompliment. Sie alle hatten das verdient.
“Frau Jessernigg, na sehen Sie, ich sagte doch, Sie werden den Text nicht vergessen! Ihr wart alle einfach großartig, ehrlich.”
“Und wer hat dir heute schon ein Kompliment gemacht?”
Ertappt drehte sich Cora um. Da stand er, der Star des Abends, dem sein Einsatz bei dieser Mitternachtseinlage nicht nur tosenden Applaus, sondern auch eine gefühlt millionenfach gesteigerte Beliebtheit bei den Schülerinnen und Schülern beschert hatte. Sein Unterricht war berüchtigt, die Leistungen, die er verlangte, brachten die Lernenden ans Limit. Doch nach heute war alles anders.
“Äh… niemand.”
“Eine Schande. Kein einziges? Wie ist das möglich? Sieh dich doch an, du siehst umwerfend aus!”
Cora spürte wie sie errötete. Wie unangenehm aus dem Munde ihres Lehrers!
Obwohl… eigentlich war es ja ganz nett. Er war ganz nett. In den letzten Wochen hatte sie einige der Lehrer durch die Proben besser kennengelernt und viel Zeit mit ihnen verbracht. Gerald Fink war charmant, zuvorkommend und überaus witzig. Egal wie stressig es teilweise geworden war, er hatte es jedes Mal geschafft sie trotzdem zum Lachen oder wenigstens zum Schmunzeln zu bringen. Wie auch jetzt.
Verschmitzt lächelnd zog er einen Flachmann aus seiner inneren Brusttasche und hielt ihn Cora zwinkernd hin:
“Du siehst aus, als könntest du einen Schluck vertragen. Los, du bist außer Dienst, du darfst.”
Zögerlich nahm Cora den Flachmann. Herr Fink hatte eigentlich recht. Sie war fertig mit ihren Aufgaben.
Jetzt dufte auch sie endlich den Ball genießen und sich einen großen Schluck Was-auch-immer aus dem bereits nur noch halbvollen Flachmann gönnen. Herr Fink hatte wohl schon einiges vorgelegt.
“So, und jetzt gehen wir an die Bar und holen uns einen Cocktail. Ich lad dich ein.”
Die Hand auf ihrem Rücken, als er sie lachend aus den Garderoben schob, fühlte sich komisch an, doch erschreckenderweise angenehm. Genauso wie die Unterhaltung, die sie führten.
Es war nie sonderlich von Vorteil, die Schüler selbst hinter die Bar zu stellen; der Alkoholgehalt in den Cocktails überstieg jegliche Normen des guten Verstandes. Cora war sich daher selbst nicht sicher, woher es plötzlich kam, dass sie ihren Lehrer auf die ausstehenden Wetteinsätze bei der Generalprobe ansprach. Jeder falsche Schritt kostete einen Tanz mit Alice oder Cora. Natürlich hatten sie beide nie die Absicht gehabt, diese tatsächlich einzufordern, die Methode an sich war allerdings sehr effektiv gewesen und so hatte die Gruppenchoreographie erstaunlich schnell geklappt.
“Wettschulden sind Ehrenschulden”, beteuerte Herr Fink wieder und wieder, als Cora erschrocken darauf beharrte, sie hätte nur einen Witz gemacht.
Doch der Lehrer ließ sich nicht aufhalten und zog sie mit sich auf die Tanzfläche. Cora wusste nicht, ob sie lachen oder weinen, oder vielleicht lieber doch vor Scham im Erdboden versinken sollte.
Sie hoffte, dass alle anderen noch mehr betrunken waren als sie selbst, und gar nicht mitbekamen, was um sie herum passierte. Auch der Lehrer hatte wohl schon ein bestimmtes Schwipslevel erreicht, sodass es ihn nicht kümmerte, was andere denken könnten. Gut, er hatte eigentlich bei nichts, was er tat, viele Bedenken.
Cora schimpfte mit sich selbst und tadelte sich innerlich, sich zusammenzureißen. Was war denn schlimm an einem Tanz, sie waren schließlich alle erwachsen. Langsam wurde es auch Zeit, sich so zu benehmen.
Zum Glück führte er perfekt. Ansonsten wäre sie schon mehrmals aus dem Takt geraten, so sehr beschäftigte sie die Situation. Intuitiv hielt sie sich selbst davon an, ihn anzusehen.
Als die letzten Takte des Boogies verklangen, setzte die Band zu einem langsamen Walzer an.
Herr Fink zog die verunsicherte Schülerin für den Walzer ohne darüber nachzudenken näher zu sich.
Und Cora machte den unverzeihlichen Fehler, ihrem Tanzpartner direkt in die tiefblauen Augen zu sehen.
In diesem Moment, in dem sie einander mit den Augen berührten, durchzuckten tausend Blitze ihren ganzen Körper, stachen hundert Nadeln auf sie ein. In seinem Blick lag etwas Zärtliches, etwas Neckisches, aber zugleich auch Unsicherheit. Sie bildete sich ein, dieselben Zweifel zu sehen, die ihr Innerstes zu zerreißen drohten.
Der Alkohol hatte herausgekehrt, was sie sich niemals eingestanden hätten. Doch nun war es klarer als der sternenverhangene Nachthimmel. Unbestreitbar und unwiderruflich. Der Elefant stand im Raum, nicht in der Lage übersehen zu werden, weder von ihr, noch von ihm. Alles offenbarte sich in einem einzigen, tiefen Blick und der Nähe und brachte zwei Welten zum Einstürzen.
Das Bewusstsein darüber war nicht mehr ungeschehen zu machen.
Für beide Herzen gab es nur eine Richtung, doch die Vernunft zerrte mit Gewalt dagegen und wollte zwei Unschuldige vor einem Fehler bewahren. Den Einsatz zum Walzer hatten beide längst verpasst.
Halbherzig versuchte der Lehrer die Situation durch ein paar Tanzschritte zu entschärfen, doch ohne Erfolg.
Die zarte Hand in seiner wollte er nie wieder loslassen.
Und der Alkohol stand auf der Seite des Herzens und unterstützte es dabei, das zu bekommen, was es wollte.
Es gab nichts, was ausgesprochen werden musste, es war bereits alles gesagt.
Und Wodka und Rum ertränkten die schreiende Vernunft mit Leibeskräften, als zwei Herzen wagemutig zwei Köpfe zueinanderführten und die Berührung zweier Lippen ohne Worte Bände sprach.