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Stangentänzerin

POLEDANCE

Genre: Nachtfalter Bonus-Story

Autorin: Rhea Ross

Es war wieder ein Dienstag, an dem Krystina für ihre nächste Performance übte. Sie hatte schon das Lied im Kopf und wusste mittlerweile, welche Bewegungen das Publikum mochte und was sie Neues ausprobieren wollte. Dieses Mal hatte sie die Stange auf der Bühne, um ihre Bewegungen auch in der Luft machen zu können. Es war nicht einfach und die ersten zwei Abende hatte sie einen Muskelkater in den Armen gehabt. Von Natur aus war sie ein gelenkiger Mensch und konnte Brücken machen, ohne sich vorher aufzuwärmen. Ihre Großmutter hat sie deshalb immer ein Teufelskind genannt, weil es ungewöhnlich war, sich dermaßen verbiegen zu können. Früher hatte Krystina absichtlich diese akrobatischen Übungen gemacht, nur um ihre Großmutter zu ärgern. Jetzt verdiente sie Geld damit. Wie cool war das denn?! Nastassja war ihr eine große Hilfe und gab ihr immer wieder Tipps, um sich keine Verletzungen zuzufügen, denn Nastassja war ein Profi und wusste mehr als sie zeigen wollte. An manchen Abenden, wo kein Betrieb war, kam Krystina trotzdem ins Seven, um für ihre Show zu üben. Und wieder einmal war es Tobi, der ihre Übungsstunde störte. 

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“Ist die Stange jetzt eine Verbesserung oder eine Verschlechterung?”, fragte er grinsend, als er langsam und selbstbewusst auf sie zukam. Sie ließ sich entlang der Stange zu Boden gleiten, wo sie zum Abschluss einen Spagat machte und auf dem Boden sitzen blieb. Dann rollte sie sich auf die Seite, nahm eine Wasserflasche und setzte sich auf die Bühne. Die Füße baumeln in der Luft.

“Wenn das so leicht ist, bitte, nur zu”, bemerkte Krystina und zeigte auf die glänzende Stange. Was sie noch nicht gewusst hatte, war, dass Tobi Herausforderungen liebte. Grinsend krempelte er sich die Ärmel seines Hemdes auf und verschwand hinter dem Vorhang. Im nächsten Augenblick stand er auf der Bühne neben Krystina, die ihn überrascht anblickte. 

“So schwer kann es wirklich nicht sein”, tröstete er sich und Krystina stellte sich neben ihm. 

“Na los. Ich bin gespannt.”

Tobi ergriff die Stange über seinem Kopf und versuchte sich hochzuziehen, doch nach zwei Sekunden rutschte er ab und fiel zu Boden wie ein kleine Junge, der sich ungeschickt anstellte. Krystina lachte über ihn, während er es immer wieder von neuem versuchte und jedes Mal dabei scheiterte. Er blödelte, versuchte ihre Übungen nachzuahmen und wirkte dabei alles andere als sexy. Krystina wälzte sich am Boden vor Lachen. Schließlich gab er es auf und legte sich zu ihr. Immer noch lachten sie laut und starrten sich dabei an.

“Du warst furchtbar”, stellte  Krystina fest. Sie war gerötet und ihre Wangen taten ihr weh. Seit langem hatte sie nicht so viel gelacht. “Bist du jemals auf einen Baum geklettert?”, fragte sie neugierig. 

“Ich habe es mal versucht...”

“Ich wusste es!”

“Was denn? Du etwa?”

Sie nickte. “Natürlich. In meinem Dorf in Bulgarien, wo ich herkomme, gab es keine Vergnügungsparks oder aufwendige Rutschen. Wir konnten nur in der Natur spielen: Uns auf der Wiese rollen, Schmetterlinge fangen und auf Bäume klettern. Das war ein Spaß, sag ich dir!”

Ihre Augen glänzten, als sie über ihre Heimat sprach.

“Wen hast du in Bulgarien? Deine Eltern?”

“Meine Mama und Großmama. Mein Vater hat uns verlassen, ich kann mich an ihn fast nicht mehr erinnern. Und eine ältere Schwester habe ich noch. Sie arbeitet in Bulgarien.”

Tobi wurde nachdenklich. “Wir haben ein ähnliches Schicksal. Mein Vater hat uns auch verlassen, nur leider erinnere ich mich an ihn. Er ist Alkoholiker und taucht immer dann auf, wenn er Geld braucht.”

Krystina setzte sich auf und auch Tobi tat es ihr nach.

“Hast du Geschwister?”, fragte sie neugierig. 

“Ja, zwei kleinere Schwestern. Zwillinge. ”

Krystina lächelte. Sie konnte sich vorstellen, dass er ein guter Bruder war und auf seine Schwestern aufpasste, wenn der alkoholisierte Vater wieder mal aufkreuzte. Sie war doch froh, ihren Vater nicht zu kennen. Besser, ihn nie wieder zu sehen, als die schmerzvollen Gefühle jedes Mal aufs Neue aufleben zu lassen.

Für einen Moment schwiegen sie, bis Tobi eine Frage einfiel.

“Zu welchem Lied wirst du tanzen?”

Sofort wusste sie, was er meinte. 

“Here she comes again, von Royskopp.”

Er zog seine Augenbrauen zusammen. 

“Du kennst es nicht?”

“Nein, noch nie gehört. Du musst was anderes finden. Etwas, was ich am Klavier spielen kann.”

“Tobi!”, protestierte sie laut. Sie hatte schon zu diesem Lied geprobt und wollte zu keinem anderen Lied tanzen. 

“Sorry. Wenn ich spielen muss, muss ich es kennen.”

“Gib mir deine Nummer.”

Überrascht blickte er sie an. Hatte sie ihn wirklich nach seiner Nummer gefragt?

“Das Lied musst du dir anhören.”

Aus ihrer Trainingstasche hatte sie ihr Handy gezückt und tippte seine Nummer ein. Dann suchte sie das Video und schickte es ihm. 

Sie setzte sich aber nicht wie von ihm erwartet wieder auf den Boden, sondern warf die Tasche über die Schulter. 

“Ich muss jetzt los. Wir sehen uns.”

Tobi blieb sitzen und winkte ihr zum Abschied. Sofort speicherte er ihre Nummer ein und fügte ein Rosensymbol statt dem Namen ein. Dann nahm er seine Kopfhörer und begann, sich das Lied anzuhören. Auch als er zuhause in seinem Bett war und nicht schlafen konnte, hörte er sich das Lied an und sang im Kopf mit, bis ihn der Schlaf holte und in durch ein großes Rosenfeld schweben ließ. 

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