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GLÜCKLICH?

Genre: Liebe | Trauer

Autorin: Maresa May

Nie hatte er sich beschwert. Es war nun einmal so, es war immer schon so gewesen. Seit er denken konnte, seit Generationen. Sie alle hatten die Pflicht, die Familientraditionen und Ehre aufrecht zu erhalten.
Vater, Großvater, Urgroßvater und so fort. Und er.

Der Vater hatte die passende Frau für ihn ausgesucht, wie es seit Jahrhunderten üblich war.
Nur das Beste, aus gutem Hause, dem Stand gemäß, ein guter Stammbaum.

So war es immer schon gewesen. So war es gut. 

Aber warst du glücklich?

Sie hatte ihm einen Sohn geschenkt, einen Erben und Stammhalter, der die Familiendynastie weiterführen konnte. So wie es sein sollte, wie es immer schon gewesen war.

Sein ganzes Leben lang hatte er das getan, was vernünftig war. Für die Familie. Für den Namen.
Es war seine Pflicht.
Und fast 40 Jahre lang hatte es für ihn funktioniert. Weil er nichts anderes kannte.
Weil es schon immer so gewesen war. Weil es sich als gut erwiesen hatte.


Aber warst du glücklich?

Allem war er nachgekommen. Hatte die Taktiken seiner Vorfahren perfektioniert.
Rational, strategisch, gewieft, kühl. Er war aufgestiegen, erfolgreich, angesehen, ruhmreich. 

Aber warst du glücklich? 

All die strenge Disziplin -  was hatte es ihm im Endeffekt gebracht?
Zwei Kriege, endlose Verhöre, Gefangenschaften, Erniedrigungen, Todesdrohungen, und sein Sohn, der sich begann von ihm abzuwenden. Nichts war mehr, wie es vorher war, seine Welt, die er kannte, existierte nicht mehr.
Die neue Welt kannte keine alte Ordnung mehr. Ehre und Einfluss waren irrelevant. Vielleicht war diese neue Welt eine Chance für ihn, eine Freikarte dem starren, vorgefertigten Leben zu entkommen und die Jahrhunderte alten Ketten zu sprengen. Denn so gut sein Leben eine Zeit lang gelaufen war, glücklich war er nie gewesen.


Bis er sie traf, diese umwerfende Frau. Jahre hatte er mit sich gehadert, seine Gefühle unterdrückt und geleugnet.
Es durfte nicht sein, nicht für ihn. Er hatte Verantwortung, Aufgaben, Verpflichtungen.
Doch er musste sich eingestehen, dass er sich unsterblich in sie verliebt hatte.


Und keine Augenblicke seines Lebens waren bisher so erfüllend gewesen, wie ein einziger Blick von ihr, ein gutes Gespräch, eine zufällige Berührung, ihr aufrichtiges Lachen. Die regelmäßigen, rein freundschaftlichen Treffen waren Woche für Woche eine Zerreißprobe. Sie strapazierten seine Gefühle aufs Äußerste und trotzdem konnte er nicht Abstand nehmen. Jeder Freitag ohne sie war schmerzhafter als das Leid, das seine unglückliche Liebe in ihm verursachte. Sein Herz raste, wenn sie in seiner Nähe war, war sie es nicht, blutete es vor Sehnsucht.

Nie hatte er mehr Schmerz empfunden und gleichzeitig war er nie so glücklich gewesen, wie in ihrer Gegenwart. Und sie wusste nichts von alledem. Weil es nicht ging. Weil allein schon jeder Gedanke daran verboten war, denn es war nichts, was jemals sein durfte. Eine Scheidung kam nicht in Frage, ein Skandal schon gar nicht.


Ihr Stammbaum war nicht makellos, der Name nicht bekannt genug und die finanziellen Mittel waren nur im unteren Durchschnitt. Es entsprach nicht der Familienehre und hatte somit keinerlei Chance. Es darf nicht sein, was niemals war. Dafür all das aufzugeben, was er sich hart erarbeitet hatte, kam nicht in Frage.

Es wäre unvernünftig.
 

Gewesen. Dann kam der große Krieg. In der neuen Welt war alles anders.

Seine Familienehre war bereits unwiderruflich zerstört, der Name nicht mehr reinzuwaschen. Nach dem zweiten Krieg war jeder einfach nur froh noch am Leben zu sein. Alte Werte spielten keine Rolle mehr, die Prioritäten hatten sich geändert. Nach all den Qualen und dunklen Stunden sehnte sich jeder nach ein wenig Licht, egal wie schwach es auch sein mochte.  Die Angst und der Schrecken waren vorbei. Nur das zählte.
 

Aber bist du jetzt glücklich?

Nein. Er war zurückgefallen in seine Routine, ohne zu jammern, ohne vom vorgeschriebenen Kurs abzuweichen. Aber wozu? Er war nie glücklich gewesen. Und ohne sie würde er es auch niemals sein, das wusste er nun.

 

Stumm betrachtete er seine Frau. Sie spielte ihre Rolle perfekt, weil es auch ihre Pflicht war. Es war nur vernünftig. Die Familie bot Sicherheit, brachte Verantwortung mit sich, war aber unantastbar. Anstandslos hatte sie ihn geheiratet, darauf vertrauend ihre Väter wüssten, was das Beste für die Familien war. Durchaus vernünftig. 

Aber war sie glücklich? 

Die wahre Liebe war auch er für sie nicht. Auch sie hatte eine Chance verdient ihre heimlich geliebten Kindermärchen von “glücklich bis ans Lebensende” wahr werden zu lassen.

Langsam ging er zu ihr, nahm ihre Hand und küsste ihre Stirn. Ein müdes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, als er ihre verwirrte Überraschung wahrnahm. Zärtlichkeiten hatten in dieser Zweckgemeinschaft nie einen Platz gefunden. Sie hatte sich nie beschwert. Eine großartige Frau, perfekt eigentlich. Nur nicht für ihn.

“Es tut mir leid”, flüsterte er sanft, zog sich den Ehering vom Finger und drückte ihn seiner Frau tröstend in die Hand. Langsam entfernte er sich von ihr, und warf ihr noch einen letzten Blick zu. Sie lächelte und nickte kaum merkbar, erleichtert, dass er sie freigab.


Werde glücklich.

Kaum, dass er das Zimmer verlassen hatte, begann er zu laufen. 

Die Entscheidung war gefallen. Die neue Welt bot neue Chancen. Es spielte keine Rolle mehr, ob es das war, was das Beste oder Vernünftigste war. Es war das, was er fühlte und das, was ihn glücklich machen würde.
Er musste den Schritt wagen, er wusste, er konnte. Alles andere zählte schon lange nicht mehr.
Und wenn sie es zuließe, würde er mit ihr ein neues Leben anfangen.


Gemeinsam.

Glücklich.

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